Die Morgenstunden der Alchemie

Die Geschichte einer magischen Wissenschaft1 (1/3)

 

Die Alchemie ist kein Begriff unter dem ein einheitliches, theoretisches Konzept vereint werden kann. Dafür besitzt sie zu viele verschiedene Ausprägungen in unterschiedlichen Zeiten und Ländern; zudem wurde sie stets beeinflusst von der individuellen Interpretation jener unzähliger Menschen, die sie praktizierten. So ist eine allgemeingültige Definition schwer zu formulieren. Doch wenn wir betrachten, welche Bilder von der Alchemie bis heute erhalten geblieben sind, dann mag diese vorsichtige Beschreibung von Hans-Werner Schütt am geeignetsten erscheinen: Alchemie ist »[…] die Kunst, gewisse Materialien zu höherem Sein zu veredeln, und zwar derart, dass mit der Manipulation der Materie auch der um ihr Geheimnis ringende Mensch in einen höheren Seinszustand versetzt wird.«2
Zwei Aspekte verbinden sich also in der Alchemie unlösbar miteinander: Der technisch-chemische Aspekt, mit dem Ziel unedle Metalle in edle umzuwandeln (Transmutation) und der spirituelle Aspekt, bei dem die ›Vervollkommnung‹ der Metalle auf die Seele des Alchemisten übergehen soll.3

Die Wiege der Alchemie lag in den Tempelwerkstätten der alten Ägypter des 1. Jh. nach Chr., in denen das religiöse Handwerk eine Symbiose mit den griechischen Naturphilosophien einging.4 Damit war die Grundlage der Alchemie geschaffen; doch ihr einzigartiges Erscheinungsbild verdankte sie verschiedensten Einflüssen: Neben den chemischen Praktiken der ägyptischen Priester und den Philosophien des Aristoteles und des Stoizimus’ verschmolzen in der Alchemie unter anderem auch Aspekte der babylonischen Astrologie und der Mysterienkulte.5

Die Alchemisten glaubten an die aristotelische Materientheorie, nach der es vier Elemente gab: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Jedes dieser Elemente bestand aus der ›materia prima‹ der Urmaterie, die durch die Entwicklung bestimmter Eigenschaften zu einem der Elemente wurde. Das bedeutete, wenn die Urmaterie warme und trockene Qualitäten ausbildete, dann entstand Feuer, wenn sie kalte und feuchte Qualitäten ausbildete, dann entstand Wasser. Die Elemente kamen aber nach Aristoteles nie in ihrer reinen Form vor; die Materie setzte sich für ihn immer aus einem Mischverhältnis der Vieren zusammen, außerdem konnten sich die Elemente von einem zum anderen wandeln (Transmutation): Wenn Luft seine Qualitäten veränderte, wurde es zu Wasser, denn die Urmaterie war allen Elementen gemein, sie unterschieden sich nur durch ihre Qualitäten und jene waren wandelbar. Für Aristoteles existierte die Urmaterie aber lediglich in der Theorie, er glaubte nicht an das Auftreten dieser reinsten Form der Materie, anders die Alchemisten: Für sie war die Urmaterie einer der Schlüssel zu ihrem ›Großen Werk‹ (›Opus magnum‹). In den alchemistischen Laboren versuchten sie die Urmaterie herzustellen, um ihr dann neue Qualitäten zu verleihen. In der Vorstellung der Alchemisten zeichnete sich die Urmaterie durch eine schwarze Farbe aus. So stand die Schwärzung des Ausgangsmaterials immer an erster Stelle des alchemistisch-chemischen Prozesses.6

Bei ihrem Weltbild ließen sich die Alchemisten von den Lehren der Stoa inspirieren. Demnach existierte ein in sich geschlossener Kosmos, der durch das Pneuma, eine materielle Energie, belebt und geordnet wurde. Das Pneuma durchdrang die ganze Welt und verband alle Dinge miteinander. Durch diese Annahme fügte sich auch die alte mesopotamische Vorstellung von der Makrokosmos-Mikrokosmos-Theorie in das Gedankengebäude des Stoizimus’ ein, die zu einem Grundgedanken der Alchemisten wurde. Die Makrokosmos-Mikrokosmos-Theorie ging davon aus, dass »die große Welt des Sternenkosmos eine Entsprechung in der kleinen Welt der Erde und der noch kleineren des Menschen und seiner Umgebung hat und umgekehrt.«7 Und so wurde für den Alchemisten sein Werk zu einem Spiegel des Kosmos’; in seinen kleinen Gefäßen wirkten die Kräfte der großen Welt. Gold war für sie nicht nur ein wertvolles Metall, es stand in Verbindung zur Sonne, Eisen ordneten sie dem Mars zu, Silber dem Mond, Kupfer der Venus, Zinn dem Jupiter, Blei dem Saturn und Quecksilber dem Merkur.8 Die Sonne, der Mond und die damals bekannten fünf Planeten standen bereits in der babylonischen Astrologie in einer direkten Beziehung zum irdischen Dasein und wurden in der Alchemie zu einem der wichtigsten Bezugssystem.9

Das Geheimnisvolle, das bis heute der Alchemie anhaftet, ist nicht zuletzt dem Einfluss der Mysterienkulte zu verdanken, die in der Entstehungsgeschichte der Alchemie einen prägenden Einfluss nahmen. In verschiedenen religiösen Kontexten verfolgten die Mysterienkulte das Ziel den Menschen schrittweise zu einer göttlichen Offenbarung zu führen; sie verstanden sich als Initiations- und Erlösungskulte. Dabei waren zwei Stufen von essenzieller Bedeutung: der Tod und die Auferstehung. Das alte Leben musste zurückgelassen werden, um den neuen höheren Seinszustand zu erreichen. Diesen Wandlungsprozess suchte der Alchemist in seinen chemischen Prozessen und in letzter Konsequenz auch in sich selbst.
Doch die Wandlung vollzog sich nicht im Hellen; sie vollzog sich in der Dunkelheit und so arbeiteten die Alchemisten im Verborgenen, verschlüsselten ihre Texte und nahmen häufig ihre Erkenntnisse mit ins Grab.10

 

Der zweite Teil von ›Die Geschichte einer magischen Wissenschaft‹:

›Die arabische und europäische Alchemie im Mittelalter‹

 

 

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Hier geht es zu weiteren Artikeln über die Alchemie:

›Die Geschichte der Alchemie‹

 

 

Quellen:
  • Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998.
  • Priesner, Claus: ›Geschichte der Alchemie‹, München 2011.
  • Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000.

 

Anmerkungen:
  • 1 Der Begriff Wissenschaft soll bitte im Kontext der damaligen Zeit verstanden werden und nicht in dem der Gegenwart. Denn auch wenn die Annahmen der Alchemisten aus heutiger wissenschaftlicher Sicht eher befremdlich erscheinen, so verstanden sie sich doch als Forscher mit dem Ziel reproduzierbare Prozesse zu entwickeln und jenes Anliegen steht ganz im Sinne des wissenschaftlichen Verständnisses. Auch wenn die Alchemie es nie als Disziplin in die Universitäten der Geschichte geschafft hat, so lag das wohl eher an ihrer Geheimniskrämerei und ihrem heidnisch anmutenden Erscheinungsbild. Denn auch die Medizin war zu jener Zeit kaum ergiebiger als die Alchemie, fand aber ihren Platz in der damaligen akademischen Landschaft. So erachte ich es als gerechtfertigt sie im Kontext ihres damaligen Kenntnisstandes als Wissenschaft zu bezeichnen.
  • Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 12.
  • 3 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 22.
  • 4 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 22.
  • 5 Vgl. Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 23.
  • 6 Abschnitt bezieht sich auf: Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 23-24, S. 60 / Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 66-70.
  • 7 Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 72-73.
  • 8 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 278. Die Zuordnungen zwischen Planeten und Metallen variierte, hier wird nur die ›klassische‹ Zuordnung wiedergegeben.
  • 9 Abschnitt bezieht sich auf: Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 346-348, S. 276-278 / Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 70-74.
  • 10 Abschnitt bezieht sich auf: Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 244-245 / Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 87-94.

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