Goethe und die Alchemie

Heute vor 268 Jahren (28.08.1749) wurde Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt am Main geboren. Seine Werke gehören zu den zentralen Meisterstücken der Literatur. Und den aufmerksamen Lesern fallen die Hinweise auf, die von seiner Leidenschaft zur Alchemie berichten. Diese ›Liebschaft‹ begann mit seinem neunzehnten Lebensjahr. Eine schwere Krankheit zwang ihn 1768 das Jurastudium in Leipzig zu unterbrechen und sich in das Elternhaus in Frankfurt zurückzuziehen. Während der Zeit seiner Genesung widmete sich Goethe den Schriften der Alchemie, die durch die Alchemistin Susanna Catherina von Klettenberg angeregt wurden.1 Die praktische Umsetzung seiner Studien beschreibt er in seinem Werk ›Dichtung und Wahrheit‹ (Teil 2, Buch 8) wie folgt:

»Kaum war ich einigermaßen wieder hergestellt […]; so fing auch ich an, mir einen kleinen Apparat zuzulegen; ein Windöfchen mit einem Sandbade war zubereitet, ich lernte sehr geschwind mit einer brennenden Lunte die Glaskolben in Schalen verwandeln, in welchen die verschiedenen Mischungen abgeraucht werden sollten. Nun wurden sonderbare Ingredienzien des Makrokosmos und Mikrokosmos auf eine geheimnisvolle wunderliche Weise behandelt […]«

Doch für Goethe ging es bei seiner Auseinandersetzung mit der Alchemie nicht um die Herstellung materieller alchemistischer Werke, wie den Stein der Weisen (siehe unten), sonder um die Einsicht in die Natur des Lebens. So standen seine Experimente im Zeichen der Erkenntnis.2

Seine leidenschaftliche Suche nach dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält« wird zum Thema in dem wohl bekanntesten Werk des großen Dichters: im ›Faust‹. Bereits am Anfang ›Der Tragödie erster Teil‹ finden sich gleich drei alchemistisch geprägte Begrifflichkeiten, die anschließend näher erläutert werden sollen.

 

FAUST: Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[…]
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
[…]
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab’ ich mich der Magie ergeben,
[…]
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
[…]
Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmos.
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch all meine Sinnen!
Ich fühle junges, heil’ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv’ und Adern rinnen.
[…]
Er beschaut das Zeichen
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem anderen wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quell alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt –
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht’ ich so vergebens?

Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen
des Erdgeistes
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
Schon fühl’ ich meine Kräfte höher,
Schon glüh’ ich wie von neuem Wein,
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
Es wölkt sich über mir –
Der Mond verbirgt sein Licht –
Die Lampe schwindet!
Es dampft – Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt – Es weht
Ein Schauer vom Gewölb’ herab
Und faßt mich an!
Ich fühl’s, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthülle dich!
Ha! wie’s in meinem Herzen reißt!
Zu neuen Gefühlen
All’ meine Sinnen sich erwühlen!
Ich fühle ganz mein Herz dir hingeben!
Du mußt, du mußt! und kostet’ es mein Leben!

Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes

geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, der
GEIST erscheint in der Flamme.
GEIST: Wer ruft mir?
FAUST abgewendet: Schreckliches Gesicht!
GEIST: Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Spähre lang’ gesogen,
Und nun –
FAUST:         Weh! ich ertrag’ dich nicht!
[…]
GEIST: In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
FAUST: Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl’ ich mich dir!
GEIST: Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! Verschwindet.
FAUST zusammestürzend: Nicht dir?
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir?3

 

Die Magie und die Alchemie:

Die Alchemisten strebten die Enthüllung der »verborgenen Kräfte und Gesetze«4 der Welt an, versuchten also Einblick zu bekommen in jenes »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Viele von ihnen wollten dieses Wissen nutzen, um ihr ›Großes Werk‹ zu erschaffen: den Stein der Weisen, der unedle Metalle in Gold verwandeln sollte. Es ist also nicht verwunderlich, dass Magie und Alchemie an einigen Punkten ineinander übergingen. Praktizierenden Alchemisten haftete häufig der Ruf eines Magiers an, oder solche, die sich als Magier verstanden, bedienten sich der alchemistischen Lehren.5

 

Die Makrokosmos

Der Makrokosmos ist in der Gedankenwelt der Alchemie fest verankert. Er steht für den gesamten Kosmos mit den im innewohnen Kräften, die ihn ordnen und »Harmonisch all das All durchklingen!«. Doch diese unüberschaubare Größe (»Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?«) findet nach der Vorstellung der Alchemisten »in der kleinen Welt der Erde und der noch kleineren des Menschen und seiner Umgebung«6 eine Entsprechung. Der Makrokosmos findet sich im Mikrokosmos wieder, oder wie Goethe es ausdrückte: »Eins in dem anderen wirkt und lebt!« So wendet sich Faust der kleineren Welt zu, dem Erdgeist, den er heraufbeschwört.

 

Der Erdgeist

Der Welt wohnt ein Geist inne, davon waren die Alchemisten überzeugt und diese Annahme spielte bei ihren praktischen Experimenten eine entscheidende Rolle. Denn selbst in ›toten‹ Gegenständen, wie Metallen, glaubten sie einen Geist zu finden, der sich von der Materie trennen und wieder zuführen ließ.7 Den Versuch den Geist des Goldes in unedle von ihrem Geist befreite Körper zu verpflanzen, bestimmte daher so manches Experiment in den alchemistischen Laboren der Geschichte.7 Für Faust war das Erblicken des Erdgeist aber eine Sehnsucht nach Einsicht; dem der »die weite Welt umschweift« fühlt er sich näher. Doch seinen Anblick kann er nicht ertragen. Und so wird die Grenze der Erkenntnis geschlagen: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst.« Erkennen kannst du nur jenes zu dem dein Geist dich befähigt.

 

 

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Hier geht es zu weiteren Artikeln über die Alchemie:

›Die Geschichte der Alchemie‹

 

Bild:
  • Foto des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar

 

Quellen:
  • Goethe, Johann Wolfgang: ›Faust der Tragödie erster Teil‹, München 1999.
  • Goethe, Johann Wolfgang: ›Dichtung und Wahrheit‹, Frankfurt am Main 2011.
  • Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 154-157, 227-230,
  • Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000.

 

Anmerkungen:
  • 1 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 155.
  • 2 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 155.
  • Goethe, Johann Wolfgang: ›Faust der Tragödie erster Teil‹, München 1999, S. 14-18.
  • 4 Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 227.
  • Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 18 und 230.
  • 6 Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 72.
  • Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 148.

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