›Das Auge‹ von Khalil Gibran

Über Wahrnehmung und Wahrheit.

 

Das Auge

Eines Tages sagte das Auge: »Jenseits dieser Täler sehe ich einen Berg von blauem Dunst umschleiert. Ist er nicht schön?«
Das Ohr lauschte, und als es eine Weile angestrengt gelauscht hatte, sagte es: »Aber wo ist dieser Berg? Ich kann ihn nicht hören.«
Dann sprach die Hand und sagte: »Vergeblich versuche ich, ihn zu fühlen oder zu berühren, aber ich kann keinen Berg entdecken.«
Und die Nase sagte: »Da ist kein Berg, ich kann ihn nicht riechen.«
Dann sah das Auge woanders hin, und alle zusammen sprachen sie über die seltsame Täuschung des Auges. Und sie sagten: »Irgendwas ist mit dem Auge nicht in Ordnung.«

 

Quelle:

Khalil Gibran: ›Der Prophet | Der Narr | Der Wanderer‹, Köln 2010, S. 159.

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