Die arabische und europäische Alchemie im Mittelalter

Die Geschichte einer magischen Wissenschaft (2/3)

Im 8. Jahrhundert fanden die antiken alchemistischen Schriften Eingang in die arabische Welt.1 Ihre Gelehrten bewahrten dieses Wissen nicht nur, sie entwickelten es auch weiter. Einen der bedeutsamsten Beiträge zur Alchemie leisteten sie mit der Ausformung der ›Schwefel-Quecksilber-Theorie‹, die Alchemisten noch bis in das 18. Jahrhundert beschäftigen sollte.2 Das silberweiße, bei Raumtemperatur flüssige Schwermetall und der in der Natur elementar vorkommende Schwefel faszinierte schon die Alchemisten der Antike, doch in arabischen Schriften wurden die beiden Stoffe zu den Grundbestandteilen der Minerale, Erze und Metalle. Der Theorie zufolge versetzte Gottes Wille die formlose Urmaterie mit den Eigenschaften heiß, trocken, kalt, feucht und erschuf somit die vier Elemente, die »unveränderlich an Menge und Gewicht«3 auftraten.4 Die ersten Substanzen, die sich daraufhin aus den vier Elementen bildeten, waren Schwefel und Quecksilber. Sie kamen in unterschiedlicher ›Reinheit‹ vor und bildeten in Kombination die Vielzahl an Mineralen, Erzen und Metallen aus. Diese beiden Stoffe wurden nicht willkürlich gewählt, denn viele der destillierbaren Stoffe enthielten tatsächlich Schwefel und die Metalle in ihrem geschmolzenen Zustand erinnerten an Quecksilber.6
Einer der bedeutsamsten Alchemisten jener Zeit war Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya Ar-Razi (ca. 854-925 oder 935 n. Chr.). 7 Der berühmte Arzt, der im europäischen Mittelalter unter dem Namen Rhazes bekannt war, galt als uneingeschränkte Autorität seines Faches.8 In seinem alchemistischen Werk ›Geheimnis der Geheimnisse‹ teilte er die Stoffe in drei Klassen: »tierische, pflanzliche und erdartige«9. Die erdartigen Stoffe kategorisierte er in sechs Gruppen: Geister (vier), Metalle (sieben), Steine (dreizehn), Vitrole (fünf), Boraqe (sechs) und Salze (elf). Sein Ziel war es Metalle und Steine durch transmutierende Elixiere oder Pulver zu veredeln. Dabei sollten die vier Geister Quecksilber, Schwefel, Salmiak und Zarnich/Arsen die Umwandlung ermöglichen.10
Rhazes gehörte zu den Gelehrten, die die Alchemie relativ nüchtern betrachteten, doch es gab auch Zeitgenossen, deren Schriften nicht nur laborpraktische Lehren vermittelten, sondern zu einem Sammelsurium von Aberglaube und Mythen wurden.

Als im 12. Jahrhundert die christlichen Mönche systematisch die Schriften der arabischen Gelehrten übersetzen, fand eine Fülle an Wissen ihren Weg nach Europa, darunter auch die Kenntnisse der damaligen Alchemie. Die Werke des Rhazes und die der anderen arabischen Alchemisten bildeten das Fundament der europäischen Alchemie, in der sich die Vorstellung von einem Stein der Weisen (Lapis philosophorum) verfestigte. Die Überlegung ein transmutierendes Medium zu erschaffen, gehörte seit Anbeginn zu dem alchemistischen Gedankengut, doch dem sagenumwogenen Lapis schenkten die europäischen Alchemisten ihre besondere Aufmerksamkeit. Schon die arabischen Schriften berichteten von einem purpurfarbenen, glänzenden Stein, der die Konsistenz von Wachs aufwies, aber feuerbeständig war11 und dieses äußere Erscheinungsbild blieb relativ konstant. Auch waren sich die Alchemisten darin weitgehend einig, dass der Stein der Weisen zwar ein materielles Wesen besaß, aber auch eine Konzentration der höchsten Geistlichkeit darstellte.12 Ihn zu erschaffen kam einem »göttlichen Gnadenakt«13 gleich. Die Herstellung des Lapis hing neben den ›richtigen‹, reproduzierbaren Handlungen auch immer von der Prise Göttlichkeit ab, die dem Alchemisten zu teil wurde oder auch nicht. Damit vermischte sich auch hier wieder die zwei Aspekte der Alchemie: der technisch-chemische und der spirituelle Aspekt.
Der Stein der Weisen als transmutierendes Medium sollte also in der Lage sein unedle Metalle in Gold, in das edelste Metall zu verwandeln. Und noch eine weitere Wundertätigkeit wurde ihm nachgesagt: die Heilung des menschlichen Körpers. Dieser Gedanke wurde schon von den arabischen Gelehrten formuliert, fand aber erst bei dem englischen Alchemisten Roger Bacon (geboren zwischen 1214-1220, gestorben nach 1292) Anklang.14 So schreibt er in seinem ›Opus maius‹: »Die Medizin, die alle Unreinheiten und Verderbnisse des geringeren Metalls wegnähme, kann nach der Meinung der Weisen die Verderbnisse des menschlichen Körpers soweit beseitigen, dass sie das Leben auf viele Jahrhunderte verlängern würde.«15
Für Bacon war der wundersame Lapis also nicht nur ein Heilmittel, sondern zusätzlich noch ein Jungbrunnen, dem der Wunsch nach Unsterblichkeit anhaftete. Damit entwickelte sich der Stein der Weisen im Mittelalter zunehmend zur Projektionsfläche menschlicher Sehnsüchte und zu einem Bild der materialisierten Lebenskraft.

 

Der erste Teil von ›Die Geschichte einer magischen Wissenschaft‹:

›Die Morgenstunden der Alchemie‹

 

Die Fortsetzung ›Die Alchemie in der Neuzeit‹ wird voraussichtlich am 01.12.2017 veröffentlicht

 

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Hier geht es zu weiteren Artikeln über die Alchemie:

›Die Geschichte der Alchemie‹

 

Quellen:
  • Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998.
  • Priesner, Claus: ›Geschichte der Alchemie‹, München 2011.
  • Ruska, J. und Diepgen P.: ›Quellen und Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und Medizn – Band 6 Al-Razi’s Buch Geheimnis der Geheimnisse‹, Berlin 1937.
  • Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000.

 

Anmerkungen:
  • 1 Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 26.
  • Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 288-290.
  • Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 166.
  • 4 Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 166.
  • Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 167.
  • Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 167.
  • Siehe Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 302.
  • Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 211.
  • 9 Ruska, J. und Diepgen P.: ›Quellen und Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und Medizn – Band 6 Al-Razi’s Buch Geheimnis der Geheimnisse‹, Berlin 1937, S. 84.
  • 10 Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 211-220 / Ruska, J. und Diepgen P.: ›Quellen und Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und Medizn – Band 6 Al-Razi’s Buch Geheimnis der Geheimnisse‹, Berlin 1937 / Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 302-304.
  • 11 Priesner, Claus: ›Geschichte der Alchemie‹, München 2011, Kapitel ›Arabische Alchemisten‹, Position 496.
  • 12Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 361.
  • 13 Priesner, Claus/ Figala, Karin: ›Alchemie, Lexikon einer hermetischen Wissenschaft‹, München 1998, S. 216.
  • 14 Siehe Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 360.
  • 15 Zitiert in: Schütt, Hans-Werner: ›Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, Die Geschichte der Alchemie‹, München 2000, S. 360.

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